Narziß und das Lächeln

Schaut man in die überquellenden Straßen der Städte, sieht man sie überall. Natürlich nicht so drastisch und undurchdringlich wir früher, vor ein paar zehn oder hundert Jahren, aber sicher ganz genauso deutlich.
Manche leugnen ihre Existenz, meinen es wäre nur ein rein äußerliches Phänomen, doch das entspricht nicht der Wahrheit.
„Wovon redet dieses Arsch, das mit seinen gerade einmal 20 Jahren ein maßgeschneidertes Jackett trägt“, höre ich andere Leute oft denken.
Aber ich meine die Schichten, die uns definieren und in Kästen übereinanderstapeln. Die Gesellschaft ist voll von ihnen. Jeder sieht sie und weiß, wo er sich selbst befindet, auch ohne darüber viel nachzudenken. Oder im Gegenteil; bei manchen Menschen dreht sich alles darum: Status, Macht, Geld, regieren die Köpfe.

Ich gehöre zur zweiten Sorte. Ohne es darauf anzulegen natürlich, es ist nichts Erzwungenes dabei, fast wie eine Art des autonomen Gedankenflusses.
Wenn jemand mein Blickfeld durchkreuzt, kann ich gar nicht anders; ich nehme es einfach so war. Die Art wie jemand geht, gebückt und schlaksig oder aufgerichtet und selbstbewusst. Was die Menschen tragen, wie sie es kombinieren, mit Stil oder mit der, für sie gar nicht sichtbaren, Hoffnungslosigkeit. Dazu fliegen einem Gesprächsfetzen entgegen, die das schnelle Bild vervollständigen. Von den Verlierern, für die ich nicht einmal Mitleid empfinden kann, weil sie mich abstoßen. Von Müttern in unsichtbaren Gefängnissen und von verpickelten Jugendlichen ohne Geld aber mit teuren Sneaker. Das einzige was mich nicht ganz kalt lässt sind Kinder. Meistens gehen Sie mir tierisch auf die Nerven aber es gibt Momente, in denen mich ein Schlag des „was wäre wenn’s…“ trifft. Dann denke ich darüber nach, dass niemand sich aussucht im Teufelskreis der Armut und niederer Bildung geboren worden zu sein und keinen Ausweg zu sehen. Niemand zeigt Ihnen wo es hingeht. Diese großen Augen, die feine Haut über die irgendein Discounter-Fetzen geworfen wurde, machen mich fertig, denn dann sehe ich mich für den Bruchteil einer Sekunde in der Rolle des kleinen Dings. Kurz danach schüttele ich das jedoch schnell ab, weil es furchtbar gefühlsduselig ist, sich so etwas vorzustellen. Wie kleine Bläschen ziehen diese Gesprächsbruchteile an einem vorbei und zerplatzen wieder. „Ich habe zu niedrige Ansprüche“ heißt es, oder „ich will weg“. Manchmal auch ein dumpfes Lachen der Abfindung.

All das kann eingestuft werden, nein, all das wird eingestuft. Ich weiß das. Ich beobachte die Menschen. Mir entfällt nicht, wenn ein hübsches Mädchen dem Blick eines Flüchtlings ausweicht, und danach verachtend die Augenbrauen hochzieht und mit den Augen rollt. Ich sehe den Mann im Anzug, der so tut als würde er die dicke, obdachlose Frau im Kopftuch nicht sehen. Er hat sie gesehen, schaut weg und geht in das Juweliergeschäft. Heraus kommt er mit zwei Tüten, eine für seine Frau, die andere für die 15 Jahre jüngere Geliebte. Jeden Dienstagvormittag sitze ich im Café der Innenstadt und sehe sie alle. Typen, nur ein paar Jahre jünger als ich, die sich extra schlecht anziehen um Mama und Papa zu trotzen. Es ist nicht zu übersehen, dass sie nach der Schule die ganze Welt bereisen, ohne je einen Finger gekrümmt zu haben. Oder ihr Pendant: Die Mädchen, die alles dafür tun, dass man ihnen ihre Herkunft nicht ansieht. Die sich mit Bildung zudröhnen und Second-Hand Designerklamotten kaufen, nur um später in den Traum des eigenen Luxus-Appartements zu passen. Vielleicht heiraten sie dann irgendeinen Mann den sie in einer Hotelbar kennengelernt haben. Auf den ersten Blick wirkt alles überzeugend, doch es fehlt diese Selbstverständlichkeit der Menschen, die reich geboren sind. Die ist erblich bedingt und unfälschbar.

Ich kenne mich mit solchen Mädchen besonders gut aus, denn das sind die, von denen ich häufig angebaggert werde. Manchmal vögel ich eine von ihnen. Erst letzten Samstag habe ich so eine kennengelernt. Danach melde ich mich aber eigentlich nicht mehr, ich hasse diesen Hoffnungsfunken im Auge und die Coolness unter der ganz viel versteckte Zielstrebigkeit steckt. Alva hat mich in einer Bar angesprochen und wir haben fast den ganzen Abend miteinander geredet. Am Ende sind wir dann komplett betrunken an der Elbe entlang zu mir nach Hause gelaufen. Eigentlich mochte ich sie wirklich. Sie hat mich sogar zum Lachen gebracht. Das sagt schon was, sonst bekommt mich niemand so schnell zum Lachen. Auf jeden Fall hat mir ihr wirklich beachtlich schöner Unterschicht-Hintern gefallen, daran kann ich mich noch genau erinnern. Trotzdem habe ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet. Wahrscheinlich verwirrt sie das ins Unermessliche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand wie Alva jemals eine Abfuhr bekommen hat.

Obwohl im Café nicht viel los war, legte ich das Geld für den Kaffee einfach auf den Tisch und ging.
Ich kam nicht weit, denn jemand rammte mir mit vollem Körpereinsatz in die Seite. Als ich mich umdrehte und in einem gereizten Ton ein: „Passen Sie doch auf, verdammt!“ zischte, sah ich einen erschrockenen Typen in meinem Alter. Während er sich mindestens fünfmal bei mir entschuldigte, hatte ich genug Zeit um seine verfilzten Dreadlocks, die tief hängende Bauchtasche und die bunte, ihm bis an die Kniekehlen reichende, Hose zu begutachten. Schließlich wünschte er mir noch einen schönen Tag und grinste dabei in einer widerlich freundlichen Weise.
Und als er da so dumm grinste, sah er tausendmal glücklicher aus, als ich jemals aussehen könnte. Dabei weiß dieser Scheißkerl im Gegensatz zu mir nicht einmal was Glück eigentlich ist. Er redet es sich höchstens ein, beim Meditieren auf einem Goa-Festival oder einfach auf E.
Ich hasse Drogen. ich trinke nicht einmal auf den unerträglichen Benefizveranstaltungen meiner Mutter, auf denen mehr ausgeschenkt wird als in der dreckigsten Kneipe auf St. Pauli.
Das ist auch einer der Gründe, wieso ich trotz meiner dauerangepissten Visage viel glücklicher bin als dieser Typ. Weil es alles echt ist. Die Gleichgültigkeit, der Hass und vielleicht sogar die Überlegenheit.

Als ich zu meinem Auto ging, kam mir eine junge Frau entgegen. Sie hatte einen Strauß Blumen in der Hand und ein breites Lächeln im Gesicht. Eines, das nicht einfach verschwindet, sondern minutenlang anhält. Sie ging schnell. Ihre Haare waren gewellt und bewegten sich im Takt ihrer Schritte. Ihr Lächeln war echt. Nicht verblendet, nicht dieses scheiß zugedröhnte Lächeln. Dieses Mädchen war glücklich, ohne sich oder seiner Umwelt etwas vorzumachen.
Einen Moment später war sie an mir vorbeigezogen, ich drehte mich noch nach ihr um, man konnte sogar an ihrem Gang erkennen, wie sie sich freute. Alles was ich wissen wollte war, wieso. Wieso war dieses Mädchen so glücklich und vor allem; wieso beeindruckte es mich derart?

An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen, also stand ich auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich setzte mich auf das Sofa, wickelte mich in eine weiße Cashmere-Decke und schaute in meine Kontakte. Und da war sie, fast ganz oben: Alva.
Obwohl es viel zu spät war, rief ich sie an. Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab, ohne ein einziges Wort zu sagen. Als ich sie fragte, welche Blumen sie am liebsten mochte, wusste ich, dass sie grinste. Aber nicht dümmlich, sondern ein verschlafenes, echtes Grinsen.

Natürlich sind Schichten nicht undurchdringlich, aber dass meine Überlegenheit es auch nicht ist, wurde mir in dieser Nacht zum ersten Mal klar.

 

Source: @brianmillerart