Gedankenkotze – Oder ein Liebesbrief an mein 16 jähriges Ich

Es ist ein gesellschaftliches Gesetz, dass man zu älteren Menschen aufblickt. Auch wenn es im Grunde keine Rolle spielt, welchem Jahrgang man angehört, gibt es doch immer diese unsichtbare Grenze, die das Verhalten steuert. Zu jüngeren blickt man automatisch etwas herab und vor den älteren hat man Respekt. Natürlich ist dieses Phänomen darauf zurückzuführen, dass man automatisch davon ausgeht, jemand der ein oder zwei Jahre älter ist, habe auch genau ein oder zwei Jahre mehr Zeit gehabt Erfahrungen sammeln zu können. Und natürlich entspricht es auch irgendwo der Wahrheit, dass einen diese Erfahrungen reifen lassen; doch diese unsichtbare Grenze, dieses ungeschriebene Gesetz ist der reinste Unsinn.

Manchmal machen einen Erfahrungen nicht schlauer oder reifer. Manchmal stumpft man mit der Zeit einfach ab. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in den letzten drei Jahren erwachsener geworden bin. Ganz im Gegenteil, ich glaube eher, dass ich in dieser Zeit wesentlich beschränkter und gleichgültiger geworden bin. So als würden für jedes Gramm Lernstoff, das ich in mich hineinstopfe, zwei Gramm Erkenntnis und Sinnhaftigkeit aus meinem Großhirn geschabt werden.

Alles was jetzt gerade in meinem Kopf herumschwimmt ist die Schule, die vor Sinnlosigkeit strotzt und einzig dazu da ist, beendet zu werden. Daneben steht noch die Flucht in den Exzess mit deren Hilfe versucht wird ersteres erträglich zu machen. Dabei haben diese gegensätzlich erscheinenden Dinge mehrere Gemeinsamkeiten: Da wäre die Inhaltslosigkeit. Das Ziel dieses Jahres liegt darin ein paar Prüfungen zu bestehen – als ein kleines Rad im System bringt mich das weiter, als Mensch jedoch nicht. Das Wochenende soll durch exzessive Ablenkung die Sorgen vergessen machen und einem für ein paar Momente das Gefühl geben, dass man mehr als nur ein kleines Rad im Getriebe ist. Die Serienmarathons, das Onlineshopping und die Handysucht füllen den Alltag, den Kopf machen sie dagegen immer leerer.
Dann ist da noch der konstant sinkende Anspruch. Je stumpfer und hohler der Kopf wird, desto niedriger sind die Ansprüche an den eigenen Intellekt. Gegenläufig dazu steigen ironischerweise die Erwartungshaltungen an die äußeren Geschehnisse. Hier wird immer mehr verlangt, um dem eigentlich leeren Anspruch zu entkommen. Mehr Konsum, mehr Unternehmungen mehr Ablenkung, mehr Mehr.

Ich fühle mich, als würden sich meine emotionalen Fähigkeiten zurückentwickeln, während die Monate schneller vorüberziehen als ich sie im Kalender ausstreichen kann. Als würde ich für jeden biografischen Schritt nach vorne, wieder zwei geistige Schritte zurückstolpern und irgendwann schließlich als hirntote Qualle bei null ankommen.
Schon jetzt habe ich das Gefühl, als Kind mehr über richtig und falsch gewusst zu haben, als ich es jemals wieder tun werde. Es ist fast so, als hätte ich mit sechzehn meinen geistigen Zenit überschritten. Danach ging es nur noch bergab.
Dieser Gedanke entspringt nicht aus kitschiger Nostalgie heraus, ganz im Gegenteil, er beruht auf Recherche: Als mir das einen Schritt vor und zwei zurück Konzept in den Kopf kam, las ich meine Notizen der letzten Jahre noch einmal. Im Jahr 2016 hatte ich tatsächlich die geistreichsten und produktivsten Gedanken, die ich jemals gedacht habe. Alles was danach kam, war Gedankenkotze. Oder Lethargie.

Mit sechzehn wusste ich zwar schon nicht mehr was richtig und was falsch war, doch ich wusste, dass es wichtig ist die Dinge um sich herum zu beobachten. Wie ein Rätsel, das es weder zu lösen noch zu verstehen gilt, sondern mit dem man sich einfach beschäftigen muss.
Ich wundere mich, wo diese Gedanken geblieben sind, die mich manchmal wochenlang beschäftigt haben. Ich wundere mich, wo das unglücklich verliebte, sechzehnjährige Mädchen hin ist, das die Leiden des jungen Werther mehr gefeiert hat als Dieter Bohlen seine Camp David Polohemden. Ich wundere mich, wann meine Moral einem Haufen Müll Platz gemacht hat und mir plötzlich so vieles egal wurde.
Manchmal glaube ich, mir ist die Fähigkeit der Differenzierung abhanden gekommen (*trauriger smiley*).
Aus diesem Grund nehme ich mir einen Vorsatz, auch wenn ich Vorsätze absolut beschissen finde.
Ich möchte wieder mehr nachdenken und mehr lesen, ganz egal ob Goethe oder Paul Auster, Hauptsache weg von der physischen Welt, die mein Gehirn dumpf macht.

Vielleicht wird man mit der Zeit auch gar nicht schlauer und Altersweisheit ist etwas, was man uns erzählt, damit das Altwerden nicht ganz so aussichtslos erscheint; Vielleicht lernt man nur gerade so viel, dass man meint nicht mehr selbst nachdenken zu müssen.
Was aus diesem Konzept hervorgeht sind Rentner, die immer noch an dem Glauben festhalten, dass man blond sein muss um sich deutsch zu fühlen. Oder aber Mittvierziger die so beschäftigt arbeiten, dass sie gar nicht merken, dass wir auf eine Krise zusteuern, wenn wir nicht umdenken.
Ob es nun die #fridaysforfuture Aktion ist oder einfach die allgemeine Fähigkeit junger Menschen, die Dinge häufiger zu hinterfragen, es zeigt sich, dass man aus Erfahrungen nicht unbedingt schlauer, sondern manchmal nur voreingenommener wird.
Auch wenn ich erst auf die Zwanzig zugehe, fühle ich mich alt. Es ist fast so, als wären meine Gehirnzellen verstaubt und jetzt denke ich wie ein alter Nazi Opa, nur eben ohne ein Nazi zu sein.

Kurz gesagt: Ich möchte wieder ein bisschen mehr sechzehn sein und aufhören über die unsichtbaren Grenzen der Generationen zu stolpern, welche sich in Luft auflösen, sobald man bereit dazu ist, sie als reinsten Unsinn anzuerkennen.

 

Nachtrag vom 10. März:

Hurra, ich fühle mich wieder wie 16. Nur eben in erwachsener.

Touristen im Nieselregen

Wenn ich schreibe, dann meistens darüber, dass ich weg will. Über Fernweh, Überdruss und Unzufriedenheit im Allgemeinen lässt es sich so unglaublich leicht beklagen.
Unzufrieden zu sein ist einfach; sich über das Wetter, die viele Arbeit und die hinter jeder Ecke lauernde Hirnlosigkeit dieser Welt zu alterieren fällt leicht, manchmal kann man gar nicht mehr anders. Nach dem Urlaub ist das bei mir immer besonders schlimm: Kaum zurück, will ich meistens sofort wieder weg und fange schon an die nächste Reise zu planen, bevor der Koffer überhaupt ausgepackt ist.
Vorweg muss gesagt werden, dass ich kein Fan von dem Good-Vibes-Only-Trend bin, welchen manche Menschen fast schon verbissen versuchen umzusetzen. Es gibt Arten schlechter Laune, die ich richtig genießen kann. Vielleicht ist das ja was Norddeutsches, der graue, regnerische Himmel und ein düsterer Gesichtsausdruck geben jedenfalls ein wunderbar stimmiges Bild ab. Aber manchmal ist schlechte Laune nicht ästhetisch verwertbar, sondern einfach nur schlecht: unproduktiv, mangelhaft und moralisch nicht einwandfrei.

Wir alle hassen den Alltagstrott, doch der Alltag heißt eben nur wie er heißt, weil er, zwar nicht alle, aber zumindest die meisten unserer Tage in Anspruch nimmt. Und selbst für mich, die ich schlechte Laune manchmal zelebriere, ist es zu viel, drei Viertel meines Lebens mies gelaunt durch die Gegend zu stapfen. Natürlich: Lange Schul- oder Arbeitstage sind beschissen, Leistungsdruck und Stress sind beschissen, und tausend andere Dinge im Leben sind ebenfalls beschissen. Aber manchmal sollte man sich vielleicht dazu zwingen, zu Hause anzukommen und den Koffer beiseite zu legen. Denn wenn man gut plant und sich auf die richtigen Dinge fokussiert, kann auch der Alltag ein bisschen nach Urlaub schmecken. Beim Italiener am Montagabend, dem Endecken neuer Cafés oder der plötzlichen Beobachtung, wie schön der Sonnenuntergang über den heimatlichen Dächern eigentlich aussieht. In solchen Momenten ist man ein klein wenig Tourist und bleibt plötzlich mitten auf der Straße stehen, um die Fassaden zu begutachten, an denen man sonst täglich vorbeigeht.
Das sind vielleicht nur zwei Stunden mit den Freunden, weil ja alle irgendwie beschäftigt sind.
Doch genau diese kurze Zeit ist es, die einen langen Tag nicht mehr ganz so lang wirken lässt und in der man ein kleines bisschen tropische Sonne im kalten Nieselregen findet.

Bevor ich es bereue und wieder mein ernstes Herbstgesicht aufsetze, muss ich es also einmal loswerden:
Ich liebe dich Flensburg, auch wenn ich es meistens nicht zeigen kann…

 

 

Narziß und das Lächeln

Schaut man in die überquellenden Straßen der Städte, sieht man sie überall. Natürlich nicht so drastisch und undurchdringlich wir früher, vor ein paar zehn oder hundert Jahren, aber sicher ganz genauso deutlich.
Manche leugnen ihre Existenz, meinen es wäre nur ein rein äußerliches Phänomen, doch das entspricht nicht der Wahrheit.
„Wovon redet dieses Arsch, das mit seinen gerade einmal 20 Jahren ein maßgeschneidertes Jackett trägt“, höre ich andere Leute oft denken.
Aber ich meine die Schichten, die uns definieren und in Kästen übereinanderstapeln. Die Gesellschaft ist voll von ihnen. Jeder sieht sie und weiß, wo er sich selbst befindet, auch ohne darüber viel nachzudenken. Oder im Gegenteil; bei manchen Menschen dreht sich alles darum: Status, Macht, Geld, regieren die Köpfe.

Ich gehöre zur zweiten Sorte. Ohne es darauf anzulegen natürlich, es ist nichts Erzwungenes dabei, fast wie eine Art des autonomen Gedankenflusses.
Wenn jemand mein Blickfeld durchkreuzt, kann ich gar nicht anders; ich nehme es einfach so war. Die Art wie jemand geht, gebückt und schlaksig oder aufgerichtet und selbstbewusst. Was die Menschen tragen, wie sie es kombinieren, mit Stil oder mit der, für sie gar nicht sichtbaren, Hoffnungslosigkeit. Dazu fliegen einem Gesprächsfetzen entgegen, die das schnelle Bild vervollständigen. Von den Verlierern, für die ich nicht einmal Mitleid empfinden kann, weil sie mich abstoßen. Von Müttern in unsichtbaren Gefängnissen und von verpickelten Jugendlichen ohne Geld aber mit teuren Sneaker. Das einzige was mich nicht ganz kalt lässt sind Kinder. Meistens gehen Sie mir tierisch auf die Nerven aber es gibt Momente, in denen mich ein Schlag des „was wäre wenn’s…“ trifft. Dann denke ich darüber nach, dass niemand sich aussucht im Teufelskreis der Armut und niederer Bildung geboren worden zu sein und keinen Ausweg zu sehen. Niemand zeigt Ihnen wo es hingeht. Diese großen Augen, die feine Haut über die irgendein Discounter-Fetzen geworfen wurde, machen mich fertig, denn dann sehe ich mich für den Bruchteil einer Sekunde in der Rolle des kleinen Dings. Kurz danach schüttele ich das jedoch schnell ab, weil es furchtbar gefühlsduselig ist, sich so etwas vorzustellen. Wie kleine Bläschen ziehen diese Gesprächsbruchteile an einem vorbei und zerplatzen wieder. „Ich habe zu niedrige Ansprüche“ heißt es, oder „ich will weg“. Manchmal auch ein dumpfes Lachen der Abfindung.

All das kann eingestuft werden, nein, all das wird eingestuft. Ich weiß das. Ich beobachte die Menschen. Mir entfällt nicht, wenn ein hübsches Mädchen dem Blick eines Flüchtlings ausweicht, und danach verachtend die Augenbrauen hochzieht und mit den Augen rollt. Ich sehe den Mann im Anzug, der so tut als würde er die dicke, obdachlose Frau im Kopftuch nicht sehen. Er hat sie gesehen, schaut weg und geht in das Juweliergeschäft. Heraus kommt er mit zwei Tüten, eine für seine Frau, die andere für die 15 Jahre jüngere Geliebte. Jeden Dienstagvormittag sitze ich im Café der Innenstadt und sehe sie alle. Typen, nur ein paar Jahre jünger als ich, die sich extra schlecht anziehen um Mama und Papa zu trotzen. Es ist nicht zu übersehen, dass sie nach der Schule die ganze Welt bereisen, ohne je einen Finger gekrümmt zu haben. Oder ihr Pendant: Die Mädchen, die alles dafür tun, dass man ihnen ihre Herkunft nicht ansieht. Die sich mit Bildung zudröhnen und Second-Hand Designerklamotten kaufen, nur um später in den Traum des eigenen Luxus-Appartements zu passen. Vielleicht heiraten sie dann irgendeinen Mann den sie in einer Hotelbar kennengelernt haben. Auf den ersten Blick wirkt alles überzeugend, doch es fehlt diese Selbstverständlichkeit der Menschen, die reich geboren sind. Die ist erblich bedingt und unfälschbar.

Ich kenne mich mit solchen Mädchen besonders gut aus, denn das sind die, von denen ich häufig angebaggert werde. Manchmal vögel ich eine von ihnen. Erst letzten Samstag habe ich so eine kennengelernt. Danach melde ich mich aber eigentlich nicht mehr, ich hasse diesen Hoffnungsfunken im Auge und die Coolness unter der ganz viel versteckte Zielstrebigkeit steckt. Alva hat mich in einer Bar angesprochen und wir haben fast den ganzen Abend miteinander geredet. Am Ende sind wir dann komplett betrunken an der Elbe entlang zu mir nach Hause gelaufen. Eigentlich mochte ich sie wirklich. Sie hat mich sogar zum Lachen gebracht. Das sagt schon was, sonst bekommt mich niemand so schnell zum Lachen. Auf jeden Fall hat mir ihr wirklich beachtlich schöner Unterschicht-Hintern gefallen, daran kann ich mich noch genau erinnern. Trotzdem habe ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet. Wahrscheinlich verwirrt sie das ins Unermessliche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand wie Alva jemals eine Abfuhr bekommen hat.

Obwohl im Café nicht viel los war, legte ich das Geld für den Kaffee einfach auf den Tisch und ging.
Ich kam nicht weit, denn jemand rammte mir mit vollem Körpereinsatz in die Seite. Als ich mich umdrehte und in einem gereizten Ton ein: „Passen Sie doch auf, verdammt!“ zischte, sah ich einen erschrockenen Typen in meinem Alter. Während er sich mindestens fünfmal bei mir entschuldigte, hatte ich genug Zeit um seine verfilzten Dreadlocks, die tief hängende Bauchtasche und die bunte, ihm bis an die Kniekehlen reichende, Hose zu begutachten. Schließlich wünschte er mir noch einen schönen Tag und grinste dabei in einer widerlich freundlichen Weise.
Und als er da so dumm grinste, sah er tausendmal glücklicher aus, als ich jemals aussehen könnte. Dabei weiß dieser Scheißkerl im Gegensatz zu mir nicht einmal was Glück eigentlich ist. Er redet es sich höchstens ein, beim Meditieren auf einem Goa-Festival oder einfach auf E.
Ich hasse Drogen. ich trinke nicht einmal auf den unerträglichen Benefizveranstaltungen meiner Mutter, auf denen mehr ausgeschenkt wird als in der dreckigsten Kneipe auf St. Pauli.
Das ist auch einer der Gründe, wieso ich trotz meiner dauerangepissten Visage viel glücklicher bin als dieser Typ. Weil es alles echt ist. Die Gleichgültigkeit, der Hass und vielleicht sogar die Überlegenheit.

Als ich zu meinem Auto ging, kam mir eine junge Frau entgegen. Sie hatte einen Strauß Blumen in der Hand und ein breites Lächeln im Gesicht. Eines, das nicht einfach verschwindet, sondern minutenlang anhält. Sie ging schnell. Ihre Haare waren gewellt und bewegten sich im Takt ihrer Schritte. Ihr Lächeln war echt. Nicht verblendet, nicht dieses scheiß zugedröhnte Lächeln. Dieses Mädchen war glücklich, ohne sich oder seiner Umwelt etwas vorzumachen.
Einen Moment später war sie an mir vorbeigezogen, ich drehte mich noch nach ihr um, man konnte sogar an ihrem Gang erkennen, wie sie sich freute. Alles was ich wissen wollte war, wieso. Wieso war dieses Mädchen so glücklich und vor allem; wieso beeindruckte es mich derart?

An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen, also stand ich auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich setzte mich auf das Sofa, wickelte mich in eine weiße Cashmere-Decke und schaute in meine Kontakte. Und da war sie, fast ganz oben: Alva.
Obwohl es viel zu spät war, rief ich sie an. Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab, ohne ein einziges Wort zu sagen. Als ich sie fragte, welche Blumen sie am liebsten mochte, wusste ich, dass sie grinste. Aber nicht dümmlich, sondern ein verschlafenes, echtes Grinsen.

Natürlich sind Schichten nicht undurchdringlich, aber dass meine Überlegenheit es auch nicht ist, wurde mir in dieser Nacht zum ersten Mal klar.

 

Source: @brianmillerart