Mit dem kleinen Finger berühre ich das Glück

Ich bin mir sicher, dass jeder von euch diesen Moment kennt, in dem man ganz plötzlich eine Ahnung davon bekommt, was Glück ungefähr bedeuten könnte – als würde plötzlich ein lachender Geist durch den Kopf ziehen, der einen alles klar sehen lässt. Vielleicht spürt man dann ganz bewusst wie die Luft in die Lunge gezogen und wieder ausgestoßen wird, oder man schaut seinem Gegenüber tiefer als sonst in die Augen, weil diese mit einem Mal das Schönste auf der Welt sind. Manchmal hält das Bewusstsein dieses Zustandes nur für den Bruchteil einer Sekunde, andere Male Stunden, Tage, Wochen an… Eines ist jedoch sicher; diese Momente sind unheimlich wertvoll, denn die Nachfrage nach ihnen ist um ein Vielfaches höher, als das Angebot.

Gut, dass das ganze nichts mit Geld zu tun hat, denn ich darf mich seit einigen Wochen als selbstständiger Bürger der deutschen Bundesrepublik bezeichnen. Und so auf eigenen Beinen stehend, sind mir da ein paar grundlegende Dinge aufgefallen, über die Wünsche, Pläne und Zufriedenheit im Allgemeinen. Diese Begriffe hängen nämlich gar nicht so oft miteinander zusammen, wie man denkt. Natürlich können Wünsche zu Plänen und Pläne zu Zufriedenheit werden, doch kann die Reihenfolge auch eher der einer Aufdeckung von Memorie-Karten gleichen. Man hebt eine mit der Annahme auf, zu wissen was sich darunter befindet. Ist die Annahme falsch verzagt man jedoch nicht, sondern sucht sich einfach das Pärchen des verirrten Begriffes. Aus Wünschen und Plänen kann genauso gut Enttäuschung hervorgehen. Andersherum kann gerade aus der Zufriedenheit heraus ein Wunsch entstehen. Es ist alles vermischt und möchte aufgedeckt werden.
Diese Aufdeckung erfordert Arbeit und bevor ich zu abstrakt werde, möchte ich einfach sagen, dass sich diese Arbeit lohnen kann.

Schwer damit beschäftigt diese Karten aufzudecken, bildet sich ein Feld von bereits vollzogenen Plänen vor mir auf. Aus diesem entstehen Wünsche, manchmal auch Enttäuschung – wie gesagt, die Reihenfolge spielt keine Rolle. Doch am Ende ist da diese breit grinsende Zufriedenheit. Ich bin die Urenkelin des Nihilismus, doch diese Wurzeln verblassen. Grund dafür ist das Vitamin D des Geistes, der lachend durch meinen Kopf schwebt. Er sorgt dafür, dass ich an das Bewusstsein von Schönheit glaube – Schönheit, die in Slow-Motion an mir vorbei zieht, damit ich sie ganz in Ruhe betrachten kann.
Meine Vermutung zum Entstehen dieses freundlichen Geistes sind die Umstände, die mich umgeben: Meine vier Wände, dessen Aufrechterhaltung mich Kraft und Nerven kosten, mir aber gleichzeitig Freiheit und neue Begegnungen bringen. Die Menschen, ohne die diese Wände auch nur eine leere Pappschachtel wären, weil sie mir Blumen mitbringen und ich mein W-Lan nach ihnen benennen kann. Und zu guter Letzt entstand der Geist wegen dem Fels, um dessen Brandung ich meine vier Wände gezogen habe und der diese in der Aufrechte hält.

Menschen die zu häufig grinsen, sind mir sonst immer suspekt gewesen. Zu demonstrativ ausgestrahltes Glück hielt ich stets für Dummheit und ich hasse die blumigen Worte, mit denen ich jetzt meine Situation beschreibe. Doch es tut mir Leid, dass es mir nicht Leid tut; sie treffen den Kern der Sache!

Vielleicht ist das hier ja auch eine versteckte Liebeserklärung, vielleicht aber auch wirklich nur ein gedankliches Ventil für die Tatsache, dass ich gerade mit dem kleinen Finger das Glück berühre. Was es auf alle Fälle ist: Die Aufforderung für Wünsche, Pläne und Zufriedenheit den Arsch hoch zu bekommen und dabei die Reihenfolge dieser Elemente vollkommen zu missachten…